Die Klagelieder Jeremias von John Tuder (England, 15. Jh)

Über Leben und Wirken des englischen Komponisten John Tuder ist kaum etwas bekannt. Uns sind lediglich zwei Manuskripte überliefert: Ein weltliches Lied ist in einer Kopie aus dem Jahre 1501 erhalten, und vier liturgische Stücke stehen in einer Handschrift aus den 70er Jahren des 15. Jahrhunderts. Daraus können wir schließen, daß John Tuder einen Großteil seines Oeuvres in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts schuf. Seine Kompositionen sowohl für kirchliche als auch für weltliche Anlässe lassen vermuten, daß Tuder am Hofe eines einflußreichen Edelmannes als Sänger der Hauskapelle beschäftigt war. Die Handschrift mit den Klageliedern Jeremias wurde wahrscheinlich von Mitgliedern der zur Kathedrale von Canterbury gehörenden Abtei um 1475 zusammengestellt. Sie stellt ein dünnes Handbuch dar, das nicht zu Aufführungszwecken verwendet wurde, sondern offenbar zur Privatsammlung eines interessierten Musikliebhabers gehörte. Bei dem Besitzer dieses Handbuchs handelt es sich vermutlich um Robert Wydow, der von 1474 bis 1478 Priester an einer der Kapellen der Kathedrale von Canterbury war und später als einer der Ersten den Titel des "Bachelor of Music" an der Universität Oxford erhielt. Die Lamentationen von Tuder sind in einem Manuskript enthalten, das sich heute im Besitz des Magdalene College befindet. Die Handschrift ist Bestandteil der berühmten Sammlung von Samuel Pepys.

Roger Bowers, Cambridge 1999

Über diese Einspielung

Das "Buch der Klagelieder" besteht aus insgesamt fünf Liedern. Die ersten drei wurden in die christliche Liturgie der Karwoche übernommen und deshalb auch seit dem Mittelalter immer wieder vertont. Die hinsichtlich des Textinhaltes uneinheitlich wirkenden Lieder sind durch ihre äußere Form als Einheit ausgewiesen. Sie gehören zu den "alphabetischen Dichtungen", d.h. das erste Wort jedes Verses bzw. jeder Strophe beginnt jeweils mit dem entsprechenden Buchstaben des hebräischen Alphabets (Aleph, Betha, Gymel, etc.). Diese Anfangsbuchstaben forderten die Komponisten aller Epochen immer wieder zu besonderen Gestaltungen heraus, so wie in den mittelalterlichen Bibeln die Initialen eines Kapitels immer besonders kunstvoll ausgeziert wurden. Die aus der jüdischen Tradition stammende Auffassung, Jeremia sei der Verfasser der Klagelieder, findet in der neueren Forschung kaum mehr Zustimmung. Demgegenüber kann als gesichert gelten, daß die Klagelieder im Kontext der Eroberung und Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier 587 v. Chr. entstanden sind, wobei strittig bleibt, ob die Klagelieder von einem oder mehreren Verfassern stammen.

Maria Jonas und Norbert Rodenkirchen haben für die Ersteinspielung von John Tuders Lamentationen die Besetzung Stimme, Flöte und Symphonie gewählt. Es ist zwar nicht eindeutig festzustellen, ob Tuders Klagegesänge als einstimmige Komposition gedacht waren oder ob die einzig überlieferte Gesangsstimme lediglich die Oberstimme eines mehrstimmigen Satzes darstellt. Das Ensemble DIPHONA geht jedoch davon aus, daß das Werk als einstimmig modale Musik komponiert worden ist.

In der vorliegenden Aufnahme füllt somit die Gesangsstimme über dem durchgehenden Bordunklang der Symphonie den überlieferten, monophon interpretierten Rahmen der Komposition Tuders aus. Die Flöte gestaltet die zahlreichen von John Tuder textlos belassenen Phrasen, wodurch ein natürliches Wechselspiel zwischen Stimme und Flöte entsteht. Ferner fallen der Flöte begleitende Aufgaben wie Umspielung und Ausschmückung der Gesangsstimme zu, gelegentlich auch eine Erweiterung des Klangbildes in eine improvisierte Polyphonie "super librum". Einzelne Abschnitte werden zudem durch instrumentale Interludien im Stile des 15. Jh. verknüpft. Instrumentale Improvisation über vokale Vorbilder war eine weit verbreitete Praxis im 15. Jh. und ist uns in frühen Orgelbüchern vielfältig überliefert, etwa bei Adam Ileborg von Stendal, 1448. Die Flöten-Interludien orientieren sich an dieser Tradition. Zusätzlich erklingt zwischen Teil I und II der Klagelieder Jeremias die einstimmige Komposition O lux beata trinitas von John Tuder als Flötensolo. Dieses Stück erscheint ebenso wie die Klagelieder Jeremias erstmals auf CD.

Bei der Interpretation des lateinischen Textes der Klagelieder Jeremias entschied sich das Ensemble DIPHONA für die "italienische" Aussprache und bezieht sich hiermit auf die sprachlichen Leitlinien des Erasmus von Rotterdam.